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Schreiben

Der gute, alte Brief – Warum wir wieder (mehr) schreiben sollten

Briefe. Schon allein das Wort klingt nach Nostalgie, Kindheit, Neugier, Erwartungsfreude und Schreiblust. Seit ich schreiben kann, ist der Brief eine meiner Lieblingsschreibformen. Als Kind habe ich unzählige davon geschrieben. Ich hatte mehrere Brieffreundinnen und -freunde und war eigentlich immer mit Antworten beschäftigt. Ich liebte den geschriebenen Austausch. Und liebe ihn heute noch immer. 

Gerade jetzt in der Zeit der Krise, in der viel von unserem Leben online stattfindet und auf digitalem Wege kommuniziert wird, ist ein Brief eine seelische Wohltat. Er ist nicht nur sehr persönlich und auf eine alte, aber erfrischende Art auch wieder neu, sondern ist das Schreiben von Briefen auch eine besonders achtsame Art von Austausch, es entschleunigt und geht über die reine Informationsvermittlung hinaus.

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Ich erinnere mich gut an die Freude, die ich daran hatte, den Inhalt meines Briefes zu formulieren, zu berichten, was ich alles erlebt hatte, das Papier zu verzieren, den Umschlag zu gestalten und ihn dann in den Briefkasten zu werfen. Ich konnte dann immer richtiggehend fühlen, was der andere dabei empfinden wird, wenn er ihn in seinem Briefkasten findet. Und ich kam jeden Tag von der Schule nach Hause geeilt, flog vor Tempo förmlich die Treppe hinauf, immer zwei Stufen mit einmal nehmend, weil ich nicht erwarten konnte herauszufinden, ob auch ich einen Brief würde in meinem Kasten vorfinden können.

Und ich kam jeden Tag von der Schule nach Hause geeilt, flog vor Tempo förmlich die Treppe hinauf, immer zwei Stufen mit einmal nehmend, weil ich nicht erwarten konnte herauszufinden, ob auch ich einen Brief würde in meinem Kasten vorfinden können. 

Als Kind habe ich ihn nie schon im Hausflur aufgerissen, sondern immer erst einmal an mich gedrückt als könnte ich so die Seele des Schreibers fühlen, die Hände noch fühlen, die diesen Brief verfasst, gestaltet und abgeschickt haben. Ich wollte die Vorfreude, ihn zu lesen, auskosten. Ich nahm ihn mit nach oben in mein Zimmer, machte die Tür hinter mir zu und genoß es, ihn ganz allein und ungestört zu lesen. Ihn auf mich wirken zu lassen und in vollem Genuss seinen Inhalt erfahren. In mich aufsaugen, was der Andere mir mitteilen möchte. Die Stimmung des Absenders erfühlen. Die Bilder in meinem Inneren entstehen lassen, die mir die Schreiberin mit ihren Worten vermitteln möchte. 

Schreiben
Einen Brief zu schreiben lässt uns in unserem Sein verweilen, lässt uns Luft holen, uns erinnern und schenkt uns pure Lebenszeit.

Und meistens entstand bereits beim Lesen die Idee einer Antwort in mir, ganz automatisch und unmittelbar. Manchmal antwortete ich auch sofort. Und wenn nicht, konnte ich es nicht erwarten Zeit für mich allein zu finden, um auf den Brief einzugehen.

Noch heute geht es mir so, dass ich im Alltag in meiner Vorfreude in den unterschiedlichsten Situationen den Brief, den es zu beantworten gilt, in meinen Gedanken immer und immer wieder beginne, Erlebnisfragmente in meinem Kopf in Briefform schon schildere und ich es nicht erwarten kann ein ruhiges Zeitfenster für mich zu finden, um ihn dann tatsächlich zu verfassen.

Ein Brief ist so viel mehr als ein einfaches Schreiben. Er ist dreidimensional und spricht unsere Sinne an. Man kann ihn befühlen, er kann nach etwas riechen (oder zum duften gebracht werden), ihm können kleine Gimmicks beigefügt werden, vielleicht Karten, Fotos, Anhänger, separat verpackte Teebeutelchen. Im Grunde sind der Fantasie bei einem Brief keine Grenzen gesetzt. 

Die Länge des Briefs ist nicht ausschlaggebend

Dabei muss es kein Brief über mehrere Seiten sein.  Wichtig ist nur, dass man überhaupt geschrieben hat.

Zugegeben, ich bin eine seitenlange Schreiberin. Nicht selten kommen drei bis fünf beidseitig beschriebene Blätter zusammen. Vielleicht fällt mir einfach nicht leicht mich kurzfassen oder Inhalte auf ein Wesentliches zu komprimieren. Doch so intensiv und ausufernd muss es gar nicht sein. Das erwartet kein Adressat, denn auch wenige Zeilen oder gar nur eine beschriebe Karte mit einem Zitat, einem Aphorismus oder einem einfachen Gruß werden das Herz des Angeschriebenen höher schlagen lassen.

Schreibende Achtsamkeit

Briefe zu formulieren stellt eine Form der Achtsamkeit dar. Es ist dem Schreiben eines Tagebuchs gar nicht so unähnlich, nur dass man weiß, dass es jemand liest, man das Geschriebene ganz konkret an einen Menschen richtet. Und der im besten Falle sogar darauf antwortet. Doch beim Akt des Schreibens ist man bei sich, im Hier und Jetzt. Und gleichzeitig lässt man die wichtigen Ereignisse, die man beschreibt, noch einmal im Detail mit allen dazugehörigen Gedanken und Gefühlen, Revue passieren. Man erinnert sich, man teilt mit.

Gleichzeitig verbindet man sich mit dem Adressaten. Man überlegt, was denjenigen interessieren würde, mit welchem Humor man die Dinge an ihn heranträgt, sucht Anknüpfungspunkte an gemeinsame Lebensthemen, vielleicht aber auch an Dinge, die der Andere so gar nicht kennt und damit seinen Horizont erweitert und ihn in eine andere, DEINE Welt eintauchen lässt.

In Briefe kann man beim Lesen als auch beim Schreiben eintauchen. Das Schreiben löst uns aus Raum und Zeit und doch sind wir vollends im derzeitigen Augenblick. Du nimmst Dir Zeit für den Brief, die gleichzeitig auch qualitativ hochwertige Zeit für Dich selbst darstellt. Zeit zur Reflexion, Zeit zum Erinnern, Zeit zum Nachspüren. Du setzt Dich intensiv und unmittelbar mit Deinen eigenen Gedanken und Gefühlen auseinander. Durchaus ist dabei auch möglich zu tieferen Erkenntnissen zu gelangen, Klarheit über die beschriebenen Sachverhalte zu erlangen. 

Wie beim Tagebuch können wir uns belastende und anstrengende Ereignissen der Seele schreiben, sie aus einer niedergeschriebenen und damit entfernten Perspektive betrachten. Wir bringen sie zu Papier, senden den Brief ab und können die Dinge loslassen. Wenn unser Gegenüber dann antwortet und vielleicht noch einmal Bezug darauf nimmt, können reflektierende Fragen entstehen, neue Sichtweisen, alternative Lösungen für Probleme und Herausforderungen. 

Briefeschreiben bedeutet Fokussierung. Du bist konzentriert bei der Sache, beschäftigst Dich nebenbei mit weniger Dingen als wenn Du beispielsweise eine E-mail oder SMS schreibst. Du tauchst ein in die Atmosphäre des Schreibens und Erinnerns. Der Brief lebt aus sich heraus. Er braucht keine Emoticons, kein rasches Antworten. Es ist ein ganzheitlicher Prozess.

Handgeschriebene Briefe hinterlassen Spuren in der Welt, die man anfassen kann. Man wirft sie nicht einfach weg, wenn man sie gelesen hat. Die meisten Menschen haben extra Kisten daheim, in die sie ihre Briefe legen, die ihnen geschrieben wurden. Sie sind ein Stück persönliche Geschichte, Lebenslauf, Erinnerung.

Entschleunigte Kommunikation 

Briefe zu schreiben bedeutet Arbeit. Ja, das muss man ehrlich so sagen. Auf jeden Fall braucht man Zeit dafür. Mit der Hand zu schreiben, geht bei weitem nicht so schnell wie ein auf der Tastatur getippter Text. Und man braucht Material dafür, nämlich Briefpapier, das sich für einen richtig anfühlt, einen Stift, der den Akt des Schreibens zum Vergnügen macht, einen Briefumschlag und vielleicht auch noch eine Briefmarke. Von Utensilien der Gestaltung ganz abgesehen. Das ist alles nicht unwesentlich im Gegensatz zur digitalen Kommunikation, für die man lediglich ein Endgerät und einen Zugang zum Internet braucht. 

Schon an den Gegenständen merkt man, wie viel Herzblut hinter einem handgeschriebenen Brief steckt. Der Absender hat sich Gedanken um das Wie und Was gemacht. Jeder Brief ist ein kleines Stückchen Seele, ein Unikat. Ebenso ein Stück Lebenszeit, dass Dir jemand widmet und das auch Du beim Schreiben jemandem schenkst. Wenn einem jemand einen Brief schreibt, zeigt das, dass man ihm wichtig ist, denn er hat sich den Raum und die Zeit genommen, etwas so Persönliches zu formulieren, es zu Papier zu bringen, es in einen Umschlag zu verpacken und abzuschicken.  Damit ist das Schreiben von Briefen mehr als reine Weitergabe von Informationen. Es ist immer wieder neu ein Prozess. Der zwar eine kleine Unterbrechung erfährt, wenn die eigene Mitteilung fertig ist und das Schreiben den Briefkasten erreicht hat, doch dann beginnt der Kreislauf erneut: Man wartet vorfreudig, schaut jeden Tag in den Briefkasten, ob zwischen Werbung, Rechnungen und offiziellen Briefen ein Umschlag dabei ist, der sich durch die  handgeschriebene Adresse und vielleicht bunte Farben von der Masse abhebt. 

Bei Trauer schreiben
Ein Brief lohnt sich immer und macht Autor als auch Leser Freude.

Ein Brief steht dem digitalen, schnelllebigen und effizienten Informationsaustausch entgegen. Er lehrt uns Ausdauer und Geduld, aber auch Neugier, Vorfreude und Vorstellungsvermögen. Unter all diesen Aspekten ist das Schreiben von Briefen niemals eine Einbahnstraße, keine einseitige Sache. Vielmehr ist es Balsam für die Seele des Autors als auch für die des Lesers. 

Handschrift ist einzigartig

Die Handschrift eines Menschen ist so individuell und einzigartig wie ein Fingerabdruck. Kaum zwei Menschen haben die gleiche Schrift, auch wenn sie sich vielleicht in ein paar Eigenarten ähneln mögen. Mit seiner Handschrift beweist man Persönlichkeit, man gibt etwas von sich preis, verrät sich. Die Handschrift allein ist schon ein gehöriges Statement. Schon sie sagt viel aus, noch bevor der Adressat den Inhalt des Briefs gelesen hat. 

Genieß Deine eigene Handschrift, denn es geht im ihre Individualität und nicht um Schönschrift.

Ich schreibe unheimlich gern, mache gern Notizen, immer alles mit der Hand. Durch all die Jahre des intensiven Schreibens habe ich, denke ich, eine sehr ausgeprägte Handschrift. Viele Menschen machen mir Komplimente zu meiner Schrift, bezeichnen sie als schön, jedoch mit dem Haken, dass sie sehr schnörkelig und nicht immer leicht zu lesen ist. Ich weiß darum. Auch mir fällt es nicht immer leicht alle Handschriften gut zu lesen, doch finde ich immer erst einmal jede Handschrift schön.

Beim Schaufensterbummeln erwische ich mich immer wieder, wie ich an all den Schaufenstern der kleinen hübschen Handmade-Lädchen hängen bleibe und kaum dazu komme die Auslage zu bestaunen, weil ich schon von all den ganzen handbeschrieben Schildchen hängen bleibe und mich in die Handschriften unbekannter Hände verliebe. Genauso in Kneipen, Cafés und Restaurants all die handbeschriebenen Tafeln. 

Ich muss immer wieder hinsehen und wenn ich dann die Bedienungen sehe, frage ich mich, zu wem diese Handschrift wohl passt, was sie aussagt über den Schreiber. 

Genieß und schätze also auch die Handschrift der Anderen, lass Dich inspirieren und spiel ruhig ein wenig mit Deiner Schrift, probier Dich aus, lass Deiner Hand ein wenig Spielraum.

Schreiben in Zeiten der Krise

…hat sich schon immer bewährt. Auch ich habe nun durch die vermehrte Digitalisierung unseres Lebens durch die Abstandsgebote aufgrund des Virus noch einmal ganz neu zum Schreiben von Briefen zurückgefunden. Es stellt für mich einen guten Ausgleich zur medialen Welt dar, die heute genutzt werden MUSS, um sich auch weiterhin mit den Menschen zu vernetzen, von denen man sich aber gleichzeitig möglichst fern halten soll. 

Ich nutze die Abende dafür, die ich jetzt nur noch eingeschränkt mit sozialen Kontakten füllen kann und habe ganz neu entdeckt, welche innere Ruhe mir das Schreiben schenkt, wie viel Freude es mir macht mich mitzuteilen und ich weiß, dass der Andere sich in der Tristesse des eingeschränkten Alltags über diese persönliche Art der Zuwendung freut. Es ist keine neue, doch aber eine ganz andere, liebevolle, etwas verstaubte Art der Beziehungspflege. Das geht auch über weite Entfernungen und vermittelt dennoch Interesse, Anerkennung und Persönlichkeit. Nichts kann Handschrift ersetzen.

7 einfache Tipps zum Motivieren und Schreiben eines Briefes

Natürlich ist mir klar, dass Du weißt, wie man einen Brief schreibt und die Rubrik „Tipps“ hier erst einmal unnötig wirkt. Doch möchte ich dieses kleine Eckchen hier unten dem Text dazu nutzen ein wenig Motivation und Schreiblust in die Luft zu streuen wie das Sandmännchen seinen Schlafsand. Denn der Anfang nach langer, vielleicht sogar jahrelanger Pause kann etwas mühsam wirken und sich schwerfällig gestalten. Dass Du aber durchaus Lust darauf hast, zeigt mir, dass Du bis hierher gelesen hast. 

Also los gehts:

  • Nimm Dir Zeit: Diese braucht ein Brief einfach. Das ist keine schnelle Sache. Ein richtiger Brief lässt sich nicht mal so eben in ein paar Minuten schreiben. 
  • Such Dir ein paar Utensilien und Materialien zusammen, die so ganz Deiner Art Briefe zu schreiben entspricht: Papier (blanko, liniert, kariert, bunt, ..), Stift (Kuli, Federhalter, Fineliner, blau, schwarz, farbig, ..), Umschläge..
  • Fühl in die Person hinein, der Du schreiben magst, stell sie Dir vor und verbinde Dich mit dem Gefühl ihr etwas mitzuteilen.
  • Du kannst Dir durchaus ein paar Stichpunkte notieren, die Du von Dir berichten oder nach denen Du Dein Gegenüber fragen möchtest. 
  • Auch kannst Du, falls Du mehreren Menschen schreibst, in knappen Stichpunkten notieren, was Du alles berichtet hast, damit Du den Überblick nicht verlierst. 
  • Sollte es ein längerer Brief werden, ist nicht zwingend verlangt, dass Du ihn komplett in einem Stück durchschreibst. Gern darfst Du natürlich Pausen machen. Danach kannst Du erwähnen, dass Du „zurück“ bist, musst Du aber nicht. Ich, zum Beispiel, lasse dann alles auf meinem Schreibtisch einfach liegen und setze mich wieder dran, wenn ich wieder Zeit und Gelegenheit habe und schreibe dann einfach weiter als wäre ich nie weggewesen. Das kannst Du nach Deinem eigenen Gefühl gestalten. Manchmal ist man vielleicht so raus aus dem Thema, dass der Leser des Briefes die Unterbrechung bemerken würde. So kannst Du sie natürlich auch erwähnen oder erklären – so für die Authentizität.
  • Scheue Dich nicht auch mal ein Wort durchzustreichen oder wegzukillern und zu überschreiben. Ein Brief ist lebendig und kein starres Perfektionismuskonstrukt. Ein Makel macht ihn liebevoll erst zu dem, was er ist – ein handschriftliches Unikat.

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