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Dankbarkeit

Die dunkle Seite von Dankbarkeit und positivem Denken

Dankbarkeit ist mittlerweile in aller Munde und scheint Trend. Jeder erklärt einem heute, wie wichtig es ist dankbar zu sein und positiv zu denken. Manchmal klingt es schon als sei Dankbarkeit DAS Rezept zum großen Glück: Wenn man nur dankbar genug ist, eröffnen sich einem neue Welten der Zufriedenheit, inneren Friedens und Wohlbefindens.

Es gibt inzwischen Unmengen von Büchern zu diesem Thema, unendliche viele empfohlene Achtsamkeitsübungen, um die Dankbarkeit im eigenen Leben immens zu steigern und den durch gesellschaftliche und erworbene Umstände entstandenen Tunnelblick auf das eigene Sein wieder zu erweitern. Die Einladung, die Scheuklappen für das Leben abzunehmen, den Autopiloten, auf dem wir in unserem Alltag oft nur noch funktionieren, auszuschalten, Wahrnehmung neu zu kultivieren und das eigene Glück wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Und mit all dem die wahre Schönheit der Welt auf einem höheren Level zu entdecken, wieder schätzen zu lernen, was wir haben und uns mit uns selbst und damit auch mit dem Leben selbst zu verbinden.

Dankbarkeit als wichtige Achtsamkeitsübung im eigenen Leben

Wie oft hast Du Dir in Deinem Leben bereits gewünscht ein anderes Leben zu haben? Wie oft hast Du an anderen etwas beneidet oder bewundert, das Du vermeintlich nicht hast? Wie oft beschwerst Du Dich (egal über was)?

Tatsächlich ist der aktive und kultivierte Einsatz von Dankbarkeitsübungen eine Liebeserklärung an das Leben. Die Bereitschaft, seinem Leben mit offenen Sinnen und offenem Herzen entgegenzutreten. Anzuerkennen, dass wir alle bereits mehr haben als wir  zu besitzen glauben. Das Geschenk an uns selbst, diesen Reichtum zu erkennen und das stetige Gefühl des Mangels endlich abzulegen.

Dankbarkeit erlaubt Dir, anzunehmen, was ist, was Du hast, wer Du bist. Sie hilft hilft Dir im Hier & Jetzt zu verweilen, Dich zu spüren, den Moment wahrzunehmen und den Fokus auf die positiven Dinge im Leben zu richten. Außerdem unterstützt sie Dich beim Erreichen Deiner kleinen und großen Ziele, um das Leben zu erreichen, das Du Dir wünschst. Und sie macht auch Vergebung möglich, vor allem uns selbst gegenüber. Unbestreitbar ist ein dankbarer Blick im Alltag unerläßlich für unser Wohlbefinden und Vorankommen.

Doch es gibt auch eine andere Seite von Dankbarkeit

Praktiziert man Dankbarkeit ernsthaft und stetig dauerhaft (schließlich braucht auch Kultivierung von etwas so simplem seine Zeit, sind wir doch über die Jahre hinweg anders konditioniert worden), kommt man schnell an Grenzen. Ich wurde des Dankbarseins müde, schwächelte häufiger mit der Aufrichtigkeit meiner Dankbarkeit und erwischte mich immer öfter dabei, dass ich dankbar war, ohne wirklich dankbar zu sein.

Ich hatte dafür keine Erklärung. Ich nahm es nur wahr, wagte aber kaum, die negativen Gefühle, die mich diesbezüglich beschlichen, zuzulassen. Ich wollte nur weiter dankbar sein und die positiven Effekte, die damit zusammenhingen, weiterhin genießen und konnte überhaupt nicht verstehen, warum ich nun solch einen Einbruch erlebte. Und ich wollte auf gar keinen Fall einsehen, dass ausgerechnet bei mir die Sache mit der Dankbarkeit, die sich im Grunde doch so einfach anhört, nicht funktionieren sollte. Laut all den Büchern und Artikeln aus Magazinen und Internet scheint die Dankbarkeitsbewegung alle Menschen – vom Kind, zum Studenten, Rentner, Top-Manager, Sozialarbeiter bis hin zum Banker und Arbeitslosen – zu transformieren. Was also machte ich grundlegend falsch, dass mir diese Effekte nur kurzfristig vergönnt zu sein schienen? Wieso fühlte es sich zunehmend falsch an, irgendwie unehrlich? War ich nicht stark genug überzeugt von dem, was ich tat? Hatte ich Vorbehalte? Verstand ich den Kern der Sache nicht?

Der Aha-Effekt

Dann begegnete mir neulich folgende Situation, in der ich dasselbe Phänomen einmal außerhalb von mir betrachten konnte und wußte sofort, warum bedingungslose Dankbarkeit so nicht auf jede Situation anwendbar ist:

Eine Kollegin kam morgens kurz nach mir auf Arbeit an. Sie schnaufte von den Treppen und der Mühsal des frühen Morgens, versuchte sich an einem gezwungenen Lächeln und einer Aufrichtung des Körpers. Der gequälte Gesamteindruck blieb jedoch und mein Gefühl ließ sich durch keinen ihrer kläglichen Versuche täuschen. Und als ich sie fragte, ob es ihr denn gut gehe, bejahte sie mit einem gezwungenen Lächeln und meinte sie, sie wisse um das Glas, das eigentlich halbvoll, statt halb leer sei und eierte um das Thema herum. Sie fand noch ein paar Argumente, die sie positiv fand in dem Moment: Es war bereits Donnerstag und die Woche lag zum größten Teil schon hinter ihr. Sie macht ihren Job ja eigentlich gerne. Sie mag den Kontakt zu den Menschen, mit denen sie beruflich zu tun hat. Dass ja heute im Grunde gar nicht so viel anstehe und sie sich nicht beschweren wolle..

Und plötzlich wurde mir klar, was die Schattenseite der Dankbarkeit tatsächlich hervorbringt: Wir täuschen uns selbst, belügen uns über unsere wahren Gefühle des Augenblicks und decken auf diese Weise zu, was wir nicht sehen, womit wir uns gerade nicht auseinandersetzen wollen, was uns momentan zu fühlen zu viel ist.

Dankbarkeit differenzieren, um sich nicht selbst zu belügen

Dankbar zu sein, ist leicht. Genauer hingeschaut, ist viel vorhanden, wofür jeder einzelne von uns offensichtlich dankbar sein könnte: Das Auto, das man fährt. Dass die Kinder gesund sind. Dass man überhaupt welche hat. Dass man einen Job hat (wie auch immer der geartet sein mag). Dass genug Geld vorhanden ist, um ein Dach überm Kopf und zu essen zu haben. Dass man sich selbst an Gesundheit erfreuen darf.

Doch das ist ganz schön grob gedacht und nur ein allgemeiner Abriss über ein Leben, das doch so viel vielschichtiger ist. Uns in jedem Moment, der im Alltag entsteht, immer nur zu versuchen uns das Schöne vor Augen zu führen, um damit die Dinge, die uns im Augenblick schwer fallen und uns negativ sein lassen, zu übertünchen, halten die innere Spaltung und Spannungen aufrecht, die wir ja eigentlich mit dem Praktizieren von Dankbarkeitsübungen überwinden wollen.

Das heißt: wenn wir Dankbarkeit auf diese Weise kultivieren, belügen wir uns selbst.

Wir halten uns, blind für die tatsächlichen Gefühle des jetzigen Moments, an den Dingen fest, die in unserem Leben eigentlich und so generell gut sind. Damit schneiden wir uns aber von denen ab, die gerade nicht gut sind. Wir haben Angst zuzulassen, dass es uns mal nicht gut geht und wir einsehen müssten, dass auch die simple Dankbarkeitspraxis ihre Lücken und Tücken aufweist. Aber allein nur damit, dass wir Dankbarkeit über alles in unserem Leben streuen, verwandelt sich noch nicht das ins goldene Schöne, was auch vorher schon in uns Unbehagen und Widerstand ausgelöst hat. Haben wir einmal die Dankbarkeit und ihre heilsame Wirkung für uns entdeckt, trauen wir uns nicht mehr, das positive Denken zu vergessen, um ja keine neue Negativität in unserem Leben zu manifestieren.

Das heisst nicht, dass zwischendurch nicht Dankbarkeit trotzdem möglich ist. Dankbarkeit ist und bleibt in unserem Leben ein wichtiger Pfeiler, der uns achtsam macht und uns sensibilisiert für die kleinen Dinge im Leben. Denn diese kleinen Dinge machen unser Leben ja erst so lebenswert. Wir müssen nur jeweils noch tiefer eindringen in die Wirklichkeit, ins Hier & Jetzt, in den aktuellen Moment, um ihn jeweils in seiner ganzen emotionalen Bandbreite zu erleben. Die Praxis der Dankbarkeit braucht mehr Achtsamkeit mit uns selbst. Sie muss differenzierter praktiziert werden, um erfolgreich zu sein. Flächendeckend zu danken, ist leider nicht genug.

Widerstand und Negativität wahrnehmen

Auch die Schattenseiten des Lebens und an uns selbst haben enorme Transformationskraft. Jeder Widerstand, der irgendwann einmal in uns auftaucht, und sei er noch so klein und zwischen den Zeilen versteckt, hat das Potential uns aufzurütteln.

Es ist leicht dankbar zu sein, wenn alles in Ordnung ist, sich unser Leben im Fluß befindet und wir optimistisch und positiv gestimmt sind. Ganz anders sieht das aus, wenn sich Schatten auf unser Dasein werfen und negative Emotionen die positiven verdrängen. Das können große Geschehnisse sein wie Konflikte, Streitigkeiten mit nahestehenden Personen oder gar Trennungen von geliebten Menschen. Aber auch weit kleinere Ereignisse im Alltag können Widerstand in uns auslösen. Beispielsweise das frühe Aufstehen, um auf Arbeit fahren zu müssen, an einer Kasse anzustehen, auf den Bus zu warten, in der Bahn keinen Sitzplatz zu bekommen, die Kälte des Winters, das Kind macht nicht, was es soll, der Partner hat schon wieder die Zahnpastatube unverschlossen auf dem Waschbeckenrand liegen lassen, den Abwasch nicht gemacht oder worüber in Paarbeziehungen eben immer mal wieder Disharmonien entstehen.

Jeder einzelne dieser Situationen bietet die Möglichkeit, an ihr zu wachsen und sie aufzulösen.

Zulassen, was da ist

“Was ist, darf sein. Und was sein darf, kann sich verändern.“  (Autor unbekannt) 

Dieses Zitat ist mir vor längerer Zeit im Internet begegnet und lässt mich seitdem nicht mehr los. Immer wieder habe ich es im Kopf und muss automatisch lächeln, wenn ich mich in einer Situation befinde, in der es darum geht zu „sehen“. Sicher kennst Du dieses Gefühl, wenn Dich ein ganz zarter Schauer durchläuft, wenn etwas mit Dir absolut in Resonanz geht und Dich in Deinem Innersten trifft (auch wenn manchmal das Gefühl eher anzeigt, dass etwas mit Dir in Resonanz geht als Du es bewusst wahrnehmen kannst). Und in diesem doch recht einfachen Satz, steckt so viel Wahrheit.

Es bedeutet also, dass wir unsere Negativität, die ja letztlich aus jeder Situation entstehen kann, mit der wir nicht völlig eins sind, in ihrem ganzen Umfang wahrnehmen müssen. Sprich: dieses Unbehagen, das sich in uns breit macht, nicht einfach nur zu überlagern mit dem Gedanken an Dankbarkeit anderen Dingen gegenüber. All unsere negativen Gefühle haben einen Sinn und gehören zum Menschsein dazu. Sie uns wegzuwünschen, zu leugnen oder oder gar mit dankbaren Gedanken und Gefühlen zu übertünchen, hält uns weiter in der inneren Spaltung und wird uns nie in eine Ganzheit führen können.

Achtsam dankbar sein – im Guten wie im Schlechten

Deshalb ist es wichtig, dass Du in Deinem Alltag nicht einfach nur dankbar, sondern vor allem achtsam mit Dir selbst bleibst.

Nimm in erster Linie vor allem wahr, wie es Dir geht: Was geht in Dir vor? Welche Gedanken sind da? Welche Gefühle begleiten Dich? Nimm also ganzheitlich wahr, wie es Dir geht. Das wird Dir helfen zu erkennen, wofür Du im Moment WIRKLICH dankbar bist. Denn es bewahrt Dich im Umkehrschluss auch davor, Deine realen Gefühle im Augenblick nicht mit Dankbarkeit zuzudecken

Nimm also auch wahr, wenn es Dir nicht gut geht und schau, was dies mit Dir macht. Wir müssen Trauer und Schmerz nicht scheuen. Es gibt keinen Grund sich diese Gefühle wegzuwünschen oder sie zu leugnen. Sie gehören zu unserem Leben genauso dazu wie die schönen Gefühle. Nimm sie war und schau, ob Du sie auch annehmen und umarmen kannst. Ob Du auch den von Dir als negativ bewerteten Dingen einen Raum geben kannst.

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2 Gedanken zu “Die dunkle Seite von Dankbarkeit und positivem Denken”