Zu verschenken

Die „Zu verschenken-Kiste“ – Ballast aus dem eigenen Hausstand loslassen, ohne es wegzuwerfen

Die gute alte „Zu verschenken-Kiste“.

Seit über 20 Jahren lebe ich nun schon in einem alternativ geprägten Viertel. Trotz vieler Versuche das Publikum über Mietpreiserhöhungen und Wohnraumüberteuerung zu regulieren, hat sich mein Viertel seinen Charme noch immer erhalten können und wird es das hoffentlich auch weiterhin. Denn das ist gelebte Kultur.

Zu meinem Stadtviertel-Bild gehört schon seit vielen, vielen Jahren die „Zu verschenken-Kisten“. Ich dachte immer, das ist so eine Institution geworden, die mittlerweile jeder kennt, jedoch scheint an dem nicht zu sein, da ich immer mal noch immer Leute treffe, die das nicht kennen oder die, wenn sie es kennen, der Sache kritisch gegenüberstehen.

Ich dagegen, habe bisher nur gute Erfahren damit gemacht – als „Produzent“ bzw. als Spender als auch als „Konsument“.

Geben und nehmen im permanentem Austausch

Erst vor einigen Wochen hatte ich mich nun endlich dazu durchgerungen meinen Dachboden zu entrümpeln, nachdem dieses Vorhaben lange in meinem Kopf herumgeschwirrt war und ich mich eine gefühlte Ewigkeit davor gedrückt hatte. Sowas gehört für mich nicht zu den schönen Dingen, mit denen man seine Freizeit verbringen kann. Jedoch wohne ich inzwischen ganze 10 Jahre in demselben Haus (Wow, ganze 10 Jahre in einer Wohnung. Langsam werde ich wohl alt?! Früher bin ich jährlich umgezogen. Nie hat es mich lange an einem Ort gehalten. Wegen jedem Furz wurde umgezogen: Mitbewohner nicht mehr cool – BÄM, Umzug! Vom Freund getrennt – BÄM, Umzug! Stockwerk zu niedrig – BÄM, Umzug! Gasrechnungen zu hoch – BÄM, Umzug! Wohnung zu klein, zu niedrig, zu teuer, zu weit weg von was weiß ich – BÄM, Umzug! Aber nun ist alles anders. Und das Letzte, was ich mir vorstellen kann, ist ein Umzug!!!). Und liebe meine Wohnung. Nur sah eben der Dachboden aus wie bereits 20 Jahre hier wohnen. Brauchte ich etwas in der Wohnung nicht mehr, landete es eben auf dem Dachboden.

Beim Ausmisten fand ich enorm viele Dinge, die ich auf keinen Fall weiter dort oben horten wollte, die aber zu schade waren, um sie konsequent dem Müll zuzuführen. Also auch gerade abgelegte Dinge meines Kindes: Spielsachen, auch Kinderklamotten, Wohn-Accessoires fürs Kinderzimmer und ja, auch tatsächlich Dinge, die ich nicht mehr wollte, die aus der Vergangenheit stammten und heute nicht mehr zu mir und meinem jetzigen Leben passen.

Mitnehm-Kisten als beliebte Tausch-Stellen

Ich sehe oft die Kisten anderer. Ich werfe zumindest immer mal einen Blick hinein, aber selten nehme ich etwas mit. Ausnahmen bilden da Bücherkisten: Da lasse ich mich gern mit zum Stöbern hinreißen.

Ansonsten bin ich auch manchmal erstaunt, was Menschen da so reinpacken. Mitunter liegt da echt Rödel drin. Da denke ich immer, dass den Leuten doch peinlich sein muss, wenn sie auf diese Weise preisgeben, was sie noch daheim aufbewahrt haben und nun dennoch zu feige sind, es einfach nur wegzuwerfen. Aber wie auch immer mein Empfinden da so manchen Gegenständen gegenüber auch beschaffen sein mag, kann ich nur sagen, dass auch der unvorstellbarste Gegenstand noch Abnehmer, in dem Falle eher Mitnehmer, findet.

Also packte nun auch ich mal eine „Zu verschenken-Kiste“ zusammen..  Nein, es wurden letztlich sogar drei wirklich vollgepackte Kisten, die wir so nach und nach auf die Straße stellten (natürlich wohl überlegt, was man anderen Menschen noch zumuten kann und was nicht). Die erste Kiste war innerhalb von anderthalb Stunden komplett leer. Die zweite Kiste enthielt offenbar in den Augen Anderer so viele Schätze, dass innerhalb kürzester Zeit jemand die komplette Kiste mitnahm, genauso wie sie war. Und die dritte Kiste mutierte über mehrere Tage zu einer Art Tausch-Kiste: Es verschwanden Dinge aus der Kiste, die wir hineingelegt hatten, dafür lagen immer mal wieder Dinge drin, die uns fremd waren.

Alles in allem war es ein spannendes Beobachten, was so mit den Kisten, und damit natürlich auch mit den Gegenständen, die uns eine lange Zeit unseres Lebens begleitet hatten und die wir nun abgaben, passierte. Zumindest so lange wir es eben draußen so öffentlich beobachten konnten.

Mit Sinn gegen den Weg-Werf-Wahn und die Einweg-Gesellschaft

Ich habe diese Kisten immer mehr zu schätzen gelernt. Hatte ich zu Beginn der Kisten-Kultur noch das Gefühl, dass da Menschen etwas loswerden wollen und nur zu feige zum Wegwerfen sind, habe ich irgendwann verstanden, dass es einen Tausch darstellt und sich in unserer Wegwerf- und Einweg-Gesellschaft eine kulturelle Gegenbewegung bildet, die dem Wegwerf-Wahn entgegenwirken möchte.

Nur weil ich beispielsweise etwas nicht mehr brauche, heisst das noch lange nicht, dass es auch niemand anders braucht.

In manchen unserer Stadtteile haben Menschen sogar handwerkliches Geschick an den Tag gelegt und ganze Hüttchen (ähnlich Wartehäuschen für öffentliche Verkehrsmittel) gebaut oder schrankähnliche Gebilde, um darin die Dinge zu verstauen, die sie selbst nicht mehr brauchen. Ich nehme selten etwas mit, aber immer interessiert mich, was da so den Besitzer wechselt. Von Klamotten für alle Altersstufen, über Kinderspielzeug, Bücher, Geschirr und manchmal sogar Hygiene-Artikel wie Duschbad, Deo und Shampoo ist alles dabei (natürlich unbenutzt, manchmal schreiben die Leute sogar dran, warum sie es nicht mehr wollten – Fehlkäufe oder Geschenke, die man an sich selbst nicht riechen mag, sind da so Begründungen).

Mitmachen erwünscht

In meinen Augen immer lohnenswert da mitzumachen. Wir sind heute verschlossener als zu Zeiten als der Tausch noch Teil des alltäglichen Volkslebens war. Heute flammt das in dieser Art wieder auf. Und wir sind doch heute auf Sparen bedacht, wenn es irgendwo geht, denn das Leben ist gerade teuer genug. Und das nicht nur, weil Ressourcen knapper werden und wir mit immer weniger für immer mehr auskommen müssen, sondern weil sich in den Köpfen ein neues Denken etabliert. Weil die Menschen mit ihrem Geld bewusster umgehen und unserem Planeten zunehmend mit einem neuen Bewusstsein gegenüber stehen. Immer mehr Menschen lieber weniger haben als sich totzuschuften in einem Vollzeitjob. Oder weil sie beständig sparen, um sich Träume zu ermöglichen oder in einem ausgewogenen Verhältnis zu arbeiten und zu reisen. Jeder für sich hat seine eigenen Ziele und Träume.

Auch ist es eine schöne Achtsamkeitsübung zum Thema Loslassen, immer mal wieder bewusst durch den eigenen Wohnraum zu gehen und seinen Blick dafür zu schulen, was man denn eigentlich nur noch so mit sich herumschleppt, ohne es wirklich zu brauchen.

Lasst uns tauschen, wo immer es geht. Wenn Dinge noch brauchbar sind, ihr sie aber nicht mehr braucht, scheut Euch nicht, sie wegzugeben. Es gibt immer jemanden, der es noch brauchen kann. Lasst los, was Ihr nicht mehr in Benutzung habt, werft Ballast ab und gebt ihn (unbekannterweise) in gute Hände. Macht Euch frei von Dingen, die nur daliegen und verstauben.

♥ In diesem Sinne wünsche ich Euch nette Erfahrungen und innere sowie äußere Befreiung. ♥

 

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