Was ich all die Jahre übergangen hatte

Mein Leben lang bin ich innerlich auf der Suche – ohne genau zu wissen, wonach.

Ich wollte mich immer einfach nur „normal“ fühlen. Mehr in meiner Mitte sein. Nicht sein wie alle anderen – und mich doch so fühlen. Ohne überhaupt zu wissen, was „normal“ eigentlich bedeutet oder wie sich andere wirklich fühlen.

Ich habe mich immer umgesehen. Menschen beobachtet – auf der Straße, im Beruf, im Freundes- und Bekanntenkreis. Und niemand wirkte von außen so, als würde er innerlich das erleben, was ich erlebte.

Mit mir stimmte etwas nicht

Schon als Kind war da dieses Gefühl: Mit mir stimmt etwas ganz und gar nicht. Ein grundlegender Defekt. Etwas, das es schwer – vielleicht unmöglich – machte, mich wirklich zu lieben.

Ich kann mich erinnern, dass dieses Wissen früh in mich eingesickert ist. Kein plötzlicher Moment, eher ein leises Verstehen: Ich muss das, was in mir ist, unbedingt verstecken. Sonst werde ich vielleicht weggegeben. In eine „Anstalt“ gesteckt. Irgendwie von der Welt ferngehalten.

Nach außen musste ich normal wirken.
Auch wenn in meiner Familie kaum greifbar war, was „normal“ überhaupt bedeutete. Was gestern noch in Ordnung war, konnte heute abgelehnt werden. Was heute abgewertet wurde, war morgen plötzlich wieder akzeptabel.

Ich wusste nur: Je weniger ich auffalle, desto eher bleiben die Reaktionen um mich herum kontrollierbar – in einer Welt, die sich für mich zutiefst unberechenbar anfühlte.

Also begann ich zu maskieren.

Mein Körper als Feind

Vor allem das, was in meinem Körper geschah.
Ich wuchs mit dem Gefühl auf, dass mein Körper ein unwirtlicher, unberechenbarer Ort ist. Nicht kontrollierbar. Gefährlich. Er brachte mich immer wieder in Zustände größter Not – und niemand durfte davon wissen.

Ich konnte nicht erklären, was mit mir passiert. Und wenn doch etwas sichtbar wurde, hieß es nur:
„Reiß dich bloß zusammen, mein Fräulein!“

Dieser Satz – eher Drohung als Aufforderung – hat sich tief eingebrannt.
Oder: „Was wird denn jetzt schon wieder mit dir?“

Kalt. Barsch. Bedrohlich. Keine echte Frage – nur eine andere Form von „Reiß dich zusammen“.

Und wenn ich keine Antwort hatte: „Ich habe dich etwas gefragt!“
Oder: „Geh in dein Zimmer. Und komm erst wieder raus, wenn du mir eine ordentliche Antwort geben kannst.“

Aber ich hatte keine Antwort.

Ich kann mich nicht an einen einzigen Moment erinnern, in dem ich wirklich versucht hätte zu erklären, was in mir vorgeht. Ich wusste nur: Niemand will ein Kind, das so „beschädigt“ ist.

Also blieb ich allein damit.
Mit meinen inneren Zuständen. Meinen Dämonen.
Und ich schwieg – bis weit ins Erwachsenenleben hinein.

Die Suche nach einer Lösung

Lesen wurde früh mein Zufluchtsort.
Ich verschlang Bücher, liebte die Welten, die sich darin öffneten.

Als Erwachsene begann ich, mich mit Psychosomatik und psychologischen Themen zu beschäftigen. Ich wollte verstehen, was mit mir ist. Ich glaubte: Wenn ich die Ursache erkenne, kann ich mich selbst heilen.

Ich ahnte nicht, dass es nach dem Auszug aus meinem Elternhaus noch einmal zwanzig Jahre dauern würde, bis ich wirklich verstehe.

Mit Anfang zwanzig begann ich eine Gesprächstherapie. Ich konnte über alles sprechen – aber mein Körper blieb unverändert. Unberechenbar. Mein Leid blieb.

Nach der Geburt meines Kindes rückte es eine Zeit lang in den Hintergrund. Nicht, weil es besser wurde – sondern weil ich so erfüllt und gebunden war.

Erst Mitte dreißig brach alles wieder auf.

Ich schlief schlecht. Aß unregelmäßig. Hatte diese ständige, unerklärliche innere Unruhe.
Nichts war im Außen passiert – und doch tobte in mir ein Sturm.

Ich hatte so gehofft, es würde sich „verwachsen“. Als Kind glaubte ich, Erwachsene hätten sich im Griff. Hätten keine solchen Zustände. Hätten keine Gefühle.

Nun war ich erwachsen – und es war immer noch da.

Und die Suche ging weiter

Ich begann zu suchen. Intensiver.

Spiritualität. Buddhismus.
Ausbildungen in Entspannung, Meditation, Achtsamkeit. Workshops. Atemreisen. Massagen.

Ich lernte unzählige Techniken:
Yoga, Qi Gong, Atemübungen. Ernährungsformen: ketogen, vegan, Fasten in allen Varianten. Zuckerverzicht. Selleriesaft am Morgen.

Ich glaubte, es müsse die eine Sache geben. Den Schlüssel.

Ich wollte nicht akzeptieren, dass ich so leben muss.
Also hielt ich durch. Diszipliniert. Ausdauernd. Hoffend.

Shaktimat. Tägliche Meditation. 10.000 Schritte. Perfekte Schlafhygiene. Gesunde Ernährung. Supplements. Journaling. Dankbarkeit. Positives Denken.

Bis ich merkte: Ich kann mich damit auch wunderbar selbst belügen.

Denn geholfen hat mir nichts.

Überall Heilungsversprechen, die wenig hielten

Das Internet ist voll von Versprechen.
„Mach das 30 Tage – und alles verändert sich.“

Und ja – vieles davon hat Effekte.
Aber ich suchte keine Optimierung. Ich suchte Erleichterung. Wirkliche Veränderung.

Dann begegnete mir das Thema Nervensystem.

Zum ersten Mal verstand ich, was in meinem Körper passiert.
Und dass ich nicht allein bin.

Aber auch hier: Übungen. Routinen. Disziplin.
Ich machte alles „richtig“.

Und wieder: kurzfristige Hoffnung. Ein Hochgefühl.
Dann Ernüchterung.

Mit jedem neuen Versuch wurde der Fall tiefer.
Die Möglichkeiten weniger.
Ich erschöpfter.

Ich war auf der Suche nach mir selbst.

Und irgendwann begann ich zu verstehen:
Der Weg ist nicht kompliziert – aber er ist lang.

Es gibt kein Ziel, das man einfach erreicht.
Es ist ein Prozess.

Früher wollte ich, dass es einfach aufhört.
Heute geht es darum, mich anzunehmen. Wirklich.

Zu lernen, das zu halten, was in mir auftaucht.
Mich selbst zu halten.

Und das nachzunähren, was mir gefehlt hat, weil ich es nie habe erleben dürfen.

Foto von Inge Poelman auf Unsplash

Und doch gibt es eine Antwort auf all das

Heute weiß ich:

Ich brauche nicht mehr.
Nicht mehr Wissen. Nicht mehr Techniken. Nicht mehr Disziplin.

Was ich brauche, ist eigentlich schlicht:

Eine echte Verbindung zu mir selbst. Und genau da lag mein blinder Fleck.
Ich dachte, ich hätte sie längst – durch all das Wissen, all die Praxis.
Doch ich blieb im Kopf.

Verstehen war meine Überlebensstrategie.
Analyse meine Kompensation.

Solange ich verstand, musste ich nicht fühlen.

Ich setzte alles um – aber kontrolliert. Diszipliniert. Nach Vorgabe.
Ich fragte nie: Was braucht mein Körper?

Ich wusste nicht einmal, dass er etwas brauchen könnte. Mein Körper war für mich einfach nur ein Störfaktor. Seine Reaktionen:
Herzrasen. Enge. Atemnot. Zittern. Schmerzen. Schwindel. Übelkeit. Diese überwältigende innere Unruhe – mal Angst, mal Wut, mal pure Anspannung. Gedankenkreisen. Getriebensein. Hektik.

In diesen Zuständen konnte ich kaum denken, kaum schlafen, kaum essen.
Alles wurde zu viel – selbst Dinge, die ich liebte.
Ich war erschöpft und gleichzeitig getrieben. Wollte abschalten – konnte aber nicht.
Ich wurde fahrig, machte Fehler, vergaß Dinge.
Konnte Stimmen nicht mehr filtern. Geräusche nicht mehr sortieren.
Mein ganzes System war überreizt.

Und gleichzeitig: Ich funktionierte weiter.
Maskierte. Versteckte.
Die Angst vor Bewertung war größer als mein Leid.
Ich sprach mit niemandem darüber.
Nicht einmal ansatzweise.

Wie auch?
Ich verstand es ja selbst nicht.

Und so entstand eine Abwärtsspirale. Ein ständiger Energieverlust, den nichts ausgleichen konnte. Ich fühlte mich nie wirklich erholt.
Erschöpfung gehörte zu mir – wie mein linker Arm.

Mein größter Feind wird zu meinem engsten Verbündeten

Mein Körper.

Wenn mein Körper das Trauma trägt, wenn mein Nervensystem geprägt wurde,
werde ich kognitiv niemals lösen können, was ich so lange versucht habe zu lösen.

Dann liegt die Lösung ausgerechnet dort,
wo meine größte Angst sitzt.

In meinem Körper.

Ohne ihn einzubeziehen, werde ich nicht herausfinden,
was ich brauche.
Was ich möchte.
Und vor allem: wer ich bin – unter all meinen Schutzstrategien.

Und dabei war es genau dieser Ort, den ich so lange vermieden habe.

Nicht bewusst.
Aber konsequent.

Bis ich verstanden habe:
Mein Körper ist nicht das Problem.
Er ist der Zugang.

Noch vor jedem Wissen.
Noch vor jedem Verstehen.

Und so begleiten mich heute im Grunde nur noch drei Dinge:

Selbstmitgefühl.
Embodiment.
Reflexion.

Ich habe begonnen, immer mehr wegzulassen.
Immer weniger zu tun.

Und plötzlich sind es die einfachen Dinge,
die am meisten wirken.

Leise.
Unaufgeregt.
Und tiefer als alles, was ich mir früher mit Disziplin und Kontrolle erhofft habe.

Und nein – dieser Weg ist nicht leicht.

Er ist nicht angenehm.
Er ist nicht schnell.

Ich kann nichts beschleunigen.
Nichts abkürzen.
Nichts überspringen.

Mein Körper gibt das Tempo vor.
Mein Nervensystem entscheidet, was sich zeigt.

Und meine Aufgabe ist eigentlich schlicht:

Immer wieder zurückzukommen.

In meinen Körper.

Immer wieder.

Mehr ist nicht zu tun.

♡♡♡ Aus Liebe zu mir selbst. ♡♡♡

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