Der unversehrte Kern – ein Märchen

Es war einmal…

eine Frau, die wünschte sich ein Kind. Und bald schon wurde ihr Wunsch wahr. Die Schwangerschaft verlief ruhig, und voller Vorfreude wartete sie auf ihr Baby. In ihren Träumen sah sie immer wieder ein kleines Mädchen mit hellem Haar, und sie dachte: Wenn ich nur eine Tochter habe, dann werde ich für immer glücklich sein.

Als das Kind geboren wurde, war es tatsächlich ein Mädchen, gesund und zart. Doch nach dem ersten Glück zog etwas Dunkles in das Haus ein. Die Mutter fühlte eine Unruhe in sich, die sie nicht verstand. Und das Kind, so klein es auch war, spürte diese Unruhe. Denn Kinder suchen nicht nur Nahrung und Wärme – sie suchen Herzen, die sie willkommen heißen.

Doch im Herzen der Mutter lagen tiefe, verborgene Wunden, und ohne es zu wissen, fürchtete sie die Nähe ihres Kindes. Denn das Kind war wie ein Spiegel, und im Spiegel sah die Mutter Dinge, vor denen sie sich ihr Leben lang gefürchtet hatte. So wurde sie hart, wo sie hätte weich sein sollen, und kalt, wo Wärme nötig gewesen wäre.

Das kleine Mädchen aber war feinfühlig und still. Bald lernte es: Wenn ich ganz ich selbst bin, wird es gefährlich. Also wurde es so, wie man es von ihm erwartete – lieb, leise, aufmerksam, selbstgenügsam. Es lernte, die Stimmen im Haus zu lesen wie andere Kinder Bücher lesen. Es spürte Spannungen wie ein Tier den nahenden Sturm.

Die Mutter aber blieb kalt. Sie schalt das Kind oft und ihre Worte waren hart wie Frost. Ihre Hände konnten zupacken, und ihre Blicke taten mehr weh als Schläge. Und so lernte das Mädchen früh, dass Liebe nicht in jedem Haus wohnt.

Nur der Vater war manchmal ein Licht für sie. Er nahm sie mit in den Wald, und dort lachte sie. Doch zu Hause schwieg er, wenn er hätte sprechen müssen. Und so lernte das Mädchen auch, wie sich Einsamkeit mitten unter Menschen anfühlt.

Ihre einzige Freundin wurde die Nacht. Wenn alles schlief, stand sie leise auf, legte die Hand an die Wand und spürte ein leises Pulsieren, als würde das Haus ein Herz haben – oder vielleicht sie selbst.

In einer Vollmondnacht stand sie am Fenster, legte die Stirn an das kühle Glas, und der Mond sprach leise zu ihr:
„Vergiss niemals, wer du wirklich bist.“
Und er legte einen kleinen, leuchtenden Funken in ihr Herz – einen Samen, der nicht zerstört werden konnte.

Viele Jahre vergingen. Das Mädchen wurde größer, aber immer unsichtbarer. Eines Tages, als niemand nach ihr rief und niemand sie suchte, ging sie fort. Sie lief über Wiesen und durch Wälder, bis sie zu einem alten, großen Baum kam. Müde setzte sie sich zu seinen Wurzeln, und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich gehalten. Der Baum sagte kein Wort, aber er blieb. Und das genügte.

Von da an kehrte sie immer wieder zu ihm zurück, erzählte ihm alles, und der Wind in seinen Blättern antwortete ihr leise. Und nachts kam der Mond und ließ ihren inneren Funken wieder aufglühen.

Viele Jahre später begegnete sie einem Mann, der freundlich war und beständig. Er blieb, und er meinte sie wirklich. Zum ersten Mal in ihrem Leben wuchs in ihr etwas wie Vertrauen. Und als sie ein eigenes Kind in den Armen hielt, spürte sie eine Wärme, die durch sie hindurchfloss – als käme sie aus einer Quelle, die niemals versiegte.

Doch mit der Liebe kam auch die Erinnerung, und die Schatten ihrer Kindheit holten sie ein. Ihre Kraft schwand, und eines Tages ging sie zurück zu dem alten Baum. Ein Blitz hatte ihn gespalten, und als sie die Hand in die Wunde des Baumes legte, spürte sie ihre eigene.

Sie kroch in den hohlen Stamm, sank in die Dunkelheit und schlief einen langen, tiefen Schlaf. Es war, als würde sie zu Erde werden, zu Wurzel, zu nichts.

In einer Vollmondnacht aber fiel Licht in die Höhle. Der Mond sprach wieder:
„Vergiss niemals, wer du wirklich bist. Du warst niemals allein.“

Da begann der kleine Funke in ihr zu leuchten. Aus dem Licht wuchs Wärme, aus der Wärme wuchs Liebe, und aus der Liebe wuchs neues Leben in ihr. Und langsam setzte sie sich wieder zusammen – nicht neu, nicht anders, sondern ganz.

Am Morgen trat sie aus dem Baum. Das Gras war kühl unter ihren Füßen, die Sonne warm auf ihrer Haut, und in allem hörte sie denselben Herzschlag – den der Erde, des Lebens, ihres eigenen.

Und sie ging heim zu ihrem Kind und zu dem Mann, der sie liebte.
Und von da an lebte sie nicht ohne Schmerz, aber ganz – und das ist mehr als glücklich.

Und wenn sie nicht gestorben ist, dann lebt sie noch heute. ❤

(Bild von Stergo auf Pixabay)

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